"Der Wandel zu einer grünen, kreislauforientierten Wirtschaft und die Abkehr von fossilen Ressourcen gehören zu den größten Herausforderungen unserer Zeit"

Datum
11.11.2022

Verbraucherinnen und Verbraucher fragen verstärkt Produkte nach, die klimafreundlich und umweltverträglich hergestellt wurden. Das stellt die Konsumgüter-Industrie weltweit vor Herausforderungen, die viele Unternehmen auch angenommen haben. Denn im Handel sind nachweislich grüne Produkte besonders erfolgreich.

Zwei Hamburgerinnen haben nun dem Plastik den Kampf angesagt und setzen sich aktiv dafür ein, den Gebrauch von Kunststoff zu reduzieren. Anne Lamp und Johanna Baare von traceless materials haben Verpackungen und Folien aus biobasierten Rohstoffen entwickelt, die Einmal-Plastik weitgehend ersetzen können. Für diese smarte Idee erhielt das Unternehmen in diesem Jahr den Deutschen Gründerpreis in der Sparte Start-ups. Wir sprachen mit der Verfahrensingenieurin Anne Lamp, die das Unternehmen als CEO leitet, darüber, wie ihre Erfindung für weniger Ressourcenverbrauch und mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz sorgen kann.

traceless materials

Frau Lamp, wie genau funktioniert Ihr Produkt?

Anne Lamp: Mit traceless materials bringen wir ein einzigartig nachhaltiges Biomaterial auf den Markt, das in Bezug auf Qualität, Funktionalität und Preis eine echte Alternative zu herkömmlichen Kunststoffen und Biokunststoffen darstellt. Unsere Technologie ermöglicht es zum ersten Mal, pflanzliche Reste aus der Lebensmittelproduktion zu verwenden, um Materialien herzustellen, die auf natürliche Weise kompostierbar sind, zum Beispiel auf dem eigenen Hauskompost. Obwohl unsere Materialien biobasiert sind, stehen sie nicht im Konflikt mit der Lebensmittelproduktion und verursachen keine Landnutzungsänderungen. Wir verwenden keine gefährlichen Chemikalien oder Verfahren für unsere Produkte. Damit sind sie für Mensch und Natur völlig unbedenklich. Bei ihrer Herstellung und Entsorgung werden bis zu 87 % weniger CO2-Emissionen ausgestoßen als bei herkömmlichem Kunststoff. Und schließlich zerfallen Produkte aus spurlosen Materialien nach ihrer Verwendung in CO2 und H2O. Dadurch ist der biologische Kreislauf geschlossen. Zudem leisten wir damit einen Beitrag zur Vermeidung von Meeresverschmutzung und zur Verringerung der Abfallerzeugung.

Sie liefern aber nicht den Ersatz selbst, sondern das Grundmaterial für den Kunststoffersatz, richtig?

Anne Lamp: Richtig. Wir liefern traceless als Drop-in-Lösung an die kunststoffverarbeitende Industrie. Die verarbeitet unser Granulat zu Produkten für die Konsumgüter-Industrie weiter, die es wiederum für eine breite Palette von Anwendungen nutzen kann. Im Moment liegt unser Hauptaugenmerk darauf, unsere Produktion so schnell wie möglich hochzufahren. Da unsere Materialien für eine breite Palette von Anwendungen geeignet sind, von Verpackungen über Einwegprodukte bis hin zu Beschichtungs- und Klebelösungen. Wir hoffen, dass das einen großen Impact auf die Verpackungsindustrie haben wird.

Sie wollten Ihre Materialien so schnell wie möglich auf den Markt bringen, weil erste Großkunden Interesse angemeldet haben?

Anne Lamp: Richtig. Der Erfolg zeigt sich in unseren Projekten mit ersten zahlenden Kunden. Unter anderem arbeiten wir mit OTTO, einem weltweit führenden Einzelhandels- und E-Commerce-Konzern, und Lufthansa zusammen. Mit ihnen entwickeln wir ganzheitliche, nachhaltige Alternativen zu ihren derzeitigen Lösungen. Die Ergebnisse werden wir schon bald in ersten Pilotprojekten auf den Markt bringen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Umwelt?

Anne Lamp: Im Gegensatz zu vielen anderen Kunststoffersatzmaterialien sind spurlose Materialien in Bezug auf alle Wirkungsindikatoren komplett nachhaltig. Nach dem Designprinzip der Kreislaufwirtschaft ist das Granulat von Anfang an als vollständig biokreislauffähige Lösung konzipiert. Das Umweltbelastungspotenzial von traceless wurde in einer ersten konsequenten Lebenszyklusanalyse (LCA) nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet. Die Studienergebnisse bestätigen das hohe Umweltverträglichkeitspotenzial von traceless in Bezug auf alle bewerteten Wirkungsindikatoren, wie Ressourcenverbrauch, Treibhausgasemissionen und Abfallerzeugung. Jedes Kilogramm spurenloses Material, das anstelle von einem Kilogramm Kunststoff hergestellt wird, kann die Treibhausgasemissionen bei der Produktion und Entsorgung um bis zu 87 % reduzieren. traceless reduziert auch den Bedarf an nicht erneuerbarer fossiler Energie, an landwirtschaftlichen Flächen, Wasser und an abiotischen Ressourcen. Darüber hinaus verringert es die chemische Verschmutzung durch die Vermeidung gefährlicher Chemikalien bei der Herstellung.

Was waren Ihre Ziele, als Sie das Unternehmen gründeten?

Anne Lamp: Wir stellen uns eine Welt vor, in der die von uns verwendeten Materialien positive Auswirkungen auf den Planeten haben und Umweltverschmutzung und Abfall der Vergangenheit angehören. Wir wollen dies erreichen, indem wir fortschrittliche Biomaterialien entwickeln, die sich in den biologischen Kreislauf der Natur integrieren, ohne Spuren zu hinterlassen.

Wie haben Kunden und Investoren auf Ihr Produkt reagiert?

Anne Lamp: Seit unserer Gründung im September 2020 hatten wir das Glück, viel Unterstützung von allen Seiten zu erhalten. Im Jahr 2021 haben wir erfolgreich ein Seed-Investment erhalten. Und der Europäischen Innovationsrat (EIC) gab uns einen Zuschuss in Höhe von 2,42 Mio. € im Rahmen des Horizon Europe EIC Accelerator. Damit konnten wir unser Scale-up weiter beschleunigen. Darüber hinaus haben wir bereits erstaunliche Anerkennung in der Presse und den Medien erhalten und mehrere nationale und europäische Preise gewonnen.

In diesem Jahr haben Sie den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Start-up erhalten. Wie hat sich diese Auszeichnung auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Anne Lamp: Wir sehen diese Auszeichnung nicht nur als Anerkennung für unsere Arbeit bei traceless, sondern auch als Bestätigung für die hohe Relevanz und Dringlichkeit des Problems, an dem wir arbeiten. Die vielen Krisen haben deutlicher denn je gezeigt: Der Wandel zu einer grünen, kreislauforientierten Wirtschaft und die Abkehr von fossilen Ressourcen gehören zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Immer mehr Menschen stellen die Art und Weise, wie wir leben, konsumieren und produzieren, infrage und machen sich Sorgen um den Planeten, den wir den kommenden Generationen hinterlassen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, eine Lösung für dieses Problem anzubieten: Ein Material, das sich positiv auf den Planeten auswirkt. Und wir sind unglaublich glücklich, dass die Jury dies anerkannt hat!

Ihr Produkt basiert auf einer hundert Jahre alten Erfindung. Wie kamen Sie auf die Idee, diese wieder auszugraben und was haben Sie verändert?

Anne Lamp: Es stimmt: Die Idee wurde vor 100 Jahren schon einmal entwickelt. Die ersten Kunststoffe waren nämlich eigentlich Naturstoffe. Cellophan etwa ist ein solches Material. Es gab auch andere Naturpolymere, die damals schon verwendet wurden, aber irgendwann hat die Petrochemie das alles abgelöst und die Technologien sind in Vergessenheit geraten. Am billigsten war und ist es bis heute, Kunststoff aus Erdöl zu produzieren. Als Verfahrensingenieurin im Bereich Bioraffinerie habe ich über die ganzheitliche Nutzung von Biomasse der zweiten Generation zum Ersatz fossiler Ressourcen promoviert. Als ich dieses alte Verfahren entdeckte, habe ich es mit meinem akademischen Hintergrund verbunden. Parallel zu meiner Promotion haben wir diese Technologie zu einer ganzheitlichen und nachhaltigen Alternative zu Plastik weiterentwickelt, spurlose Materialien eben – traceless materials.

Warum wurde dieses alte Verfahren damals nicht weiterverfolgt?

Anne Lamp: Das haben wir uns auch gefragt!

Wie haben Sie das Produkt dann zur Marktreife gebracht?

Anne Lamp: Ich habe dann erkannt, dass nur eine schnelle Kommerzialisierung der Technologie das volle Wirkungspotenzial gegen die Plastikverschmutzung freisetzen kann und beschloss, traceless im September 2020 gemeinsam mit Johanna Baare zu gründen. Johanna brachte ihre Expertise in der Geschäfts- und Strategieentwicklung mit ein. Als ehemalige COO beim Start-up Panion und Business Developer kombiniert sie unternehmerisches und Business-Development-Wissen, um Early Ventures und Teams zu skalieren.

Der Kunststoffmarkt gilt als einer der am härtesten umkämpften überhaupt. Wie ist es Ihnen gelungen, sich durchzusetzen?

Anne Lamp: Der Bedarf an einem systematischen Wandel hin zu einem nachhaltigeren System ist größer denn je. Vor allem, wenn man die ehrgeizigen Nachhaltigkeitsziele der EU in Betracht zieht. Die Bioökonomie gilt als wesentlicher Bestandteil, um die Nutzung erneuerbarer Ressourcen anstelle fossiler Brennstoffe voranzutreiben, die Klimaemissionen zu mindern und die Abfallmenge zu reduzieren. Mit unserer Technologie stehen wir vollkommen im Einklang mit diesen Zielen, denn wir bieten eine Kunststoffalternative, die auf landwirtschaftlichen Reststoffen basiert. Unser zirkuläres Geschäftsmodell bietet eine Lösung für zwei Herausforderungen: Die Agrarindustrie sucht nach Möglichkeiten, ihre Nebenströme zu verwerten, und gleichzeitig sucht die Kunststoffindustrie nach ganzheitlich nachhaltigen Kunststoffalternativen. Mit traceless haben wir eine neuartige Verbindung zwischen diesen beiden Branchen geschaffen.

Frauen sind in der Start-up Welt unterrepräsentiert, das kann die Suche nach Investoren schwierig machen. Wie war das in Ihrem Fall?

Anne Lamp: Natürlich ist es für Frauen im Allgemeinen nicht schwieriger als für Männer, ein Start-up zu gründen, es ist trotzdem ein mutiger Schritt. Allerdings fehlen den Frauen oft die Vorbilder, eben weil es meist Männer sind, die Start-ups gründen, und deshalb ist ein großer Teil der Start-up-Welt – einschließlich der Investoren – männlich. Das macht eine Finanzierung für Frauen manchmal schwieriger. Ich hatte aber den Eindruck, dass Johanna Baare und ich sowohl von Investoren als auch von Kunden als starkes Team wahrgenommen wurden, das sich in Bezug auf seine Fachkenntnisse perfekt ergänzt. Als Verfahrensingenieurin habe ich die technische und Nachhaltigkeits-Expertise, während Johanna den geschäftlichen Hintergrund hat. Was das Geschlecht angeht, gibt es also immer Vor- und Nachteile. Es kommt eben sehr darauf an, mit wem man spricht. Und bis jetzt haben wir keine negativen Erfahrungen gemacht, sondern eher viel Unterstützung erhalten.

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