"Wir wollen dazu beitragen, dass persönliches Klima-Engagement in fünf Jahren zu einer absoluten Selbstverständlichkeit geworden ist."

Datum
16.11.2022

Kurzinfo

Unternehmen: Climate Labs GmbH
Unternehmensstandort: Berlin
Gründerteam: Markus Gilles, Jonas Brandau und Andreas Pursian-Ehrlich
Gründungsjahr: 2019
Mitarbeitende: 25
Produkt: Klimaschutz-App „Klima“
Förderprogramm des BMWK: German Accelerator Program

Gründer der Climate Labs GmbH (v.l.): Jonas Brandau, Markus Gilles und Andreas Pursian-Ehrlich Die Gründer der Climate Labs GmbH (v.l.): Jonas Brandau, Markus Gilles und Andreas Pursian-Ehrlich © Climate Labs GmbH

Die Jungunternehmer Markus Gilles, Jonas Brandau und Andreas Pursian-Ehrlich haben bereits mehrere Start-ups auf den Weg gebracht, zuletzt etwa das viel beachtete Videoportal Hyper mit anschließendem Exit in die USA. 2018 reifte bei dem Gründerteam die Idee zu einem neuen Projekt heran: eine App entwickeln, die Nutzern die Möglichkeit gibt, sich ihren persönlichen CO2-Fußabdruck ausrechnen zu lassen, um diesen mit personalisierten Tipps so gut es geht zu reduzieren und was übrig bleibt automatisch zu kompensieren. Gedacht, getan. 2019 gründeten Markus Gilles, Jonas Brandau und Andreas Pursian-Ehrlich die Climate Labs GmbH in Berlin. Nach fast einjähriger Entwicklung, im August 2020, ging ihre App „Klima“ (www.klima.com) an den Start. Im Interview verrät CEO Markus Gilles, was sich seitdem in seinem grünen Unternehmen getan hat – und wohin die Reise noch gehen wird.

Herr Gilles, vor etwas mehr als zwei Jahren haben Sie die App „Klima“ gelauncht. Wie groß ist die Klima Community mittlerweile und was haben sie bisher erreicht?

Markus Gilles: Wir haben mittlerweile eine globale Community mit Nutzerinnen und Nutzern in über 70 Ländern aufgebaut. Unsere Downloadzahlen liegen im sechsstelligen Bereich. Über die Klima App wurden insgesamt bereits über 120.000 Tonnen CO2 ausgeglichen. Das entspricht der Einsparung von 500 Millionen Autokilometern in einem Benziner.

Werten Sie das bereits als Erfolg?

Markus Gilles: Als wir gestartet sind, war uns bewusst, wie groß das Potential ist, wenn wir es schaffen, Einzelhandlungen zu organisieren und zu bündeln. Zu sehen, wie viele Menschen tatsächlich bereit sind, einen eigenen Beitrag zu leisten, ist eine Bestätigung dafür. Allerdings stehen wir angesichts des Ausmaßes der Klimakrise gerade erst am Anfang.

Im Netz gibt es zahlreiche Angebote, um den individuellen CO2-Ausstoß berechnen zu lassen – und im Ausgleich dazu zum Beispiel Bäume zu pflanzen. Was unterscheidet ihr Produkt von anderen?

Markus Gilles: Wir haben von Anfang an die Benutzerfreundlichkeit ins Zentrum unserer Entwicklung gestellt. Die Klimakrise ist sehr komplex und wir sehen, dass viele Menschen, die gerne mehr tun möchten, nicht so recht wissen, wie sie anfangen sollen oder was wirklich wirkt. Die große Chance liegt darin, einfache Zugänge zu schaffen. Eine Bewertung von 4,5 Sternen weltweit für unsere App zeigt, dass dies honoriert wird und ermutigt uns, diesen Fokus noch zu verstärken.

Sie gehören mit Ihren beiden Kollegen Jonas Brandau und Andreas Pursian-Ehrlich zu den sogenannten Seriengründern. Wie viele Start-ups haben sie bereits auf den Markt gebracht? Und wie viele davon bestehen noch?

Markus Gilles: Unser erstes Start-up, die Online-Diskussionsplattform Pinio, hatte das Ziel, den Meinungsaustausch im Internet respektvoller zu machen. Leider sind wir damit nicht über die Beta-Phase hinausgekommen, obwohl wir sogar Angela Merkel für einen Beitrag gewinnen konnten. Die Idee finde ich noch heute wichtig! Als zweites haben wir Hyper aufgebaut, ein kuratiertes Video-Magazin als digitale Bühne für Qualitätsjournalismus und andere handverlesene Videoprojekte, die im Aufmerksamkeitsstrom der großen Plattformen leider zu oft untergehen. Hier merkten wir schnell, dass wir ein Bedürfnis vieler Menschen getroffen hatten und erreichten in kurzer Zeit über 1 Millionen Downloads ohne einen Euro an Marketingausgaben, was schließlich zum erfolgreichen Verkauf an das New Yorker Medienunternehmen Mic.com führte. Vor Klima haben wir außerdem noch ein kleines Herzensprojekt umgesetzt, das auch heute noch besteht: Mighty ist eine Mischung aus Selbstverteidigungstraining, mentalem Empowerment und Fitnessprogramm, dass wir gemeinsam mit Selbstverteidigungslehrerinnen in Berlin speziell für Frauen entwickelt und mit Unterstützung des Apple Accelerators als App verwirklicht haben.

Woher rührt Ihr Interesse, ein grünes Unternehmen aufzubauen?

Markus Gilles: Ich würde sagen, dass alle unsere bisherigen Projekte einen sozialen Beweggrund hatten. Und das kommt sicher nicht von ungefähr. Ich bin selbst Soziologe und habe vor unserer ersten Gründung bereits zusammen mit Jonas Kampagnen zum Thema Fair Trade und Bio gemacht. Andreas leitete damals IT-Teams in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Das Thema nachhaltige Entwicklung verband uns also schon, bevor wir uns überhaupt kennenlernten. Dass wir uns 2018 entschieden haben, eine Klimaschutzlösung zu entwickeln, schließt gewissermaßen den Kreis.

Seit 2021 wird die Climate Labs GmbH vom German Accelerator Program des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz unterstützt. Wie sieht die Unterstützung aus?

Markus Gilles: Der German Accelerator hat uns insbesondere bei der Entwicklung unseres B2B-Angebots unterstützt. Das intensive Mentoring, das auf die jeweils konkrete Unternehmensphase zugeschnitten ist, ermöglicht es, die Lernkurve zu steigern und die Entwicklungsschritte zu beschleunigen, auf die man sich konzentrieren möchte. Dabei ist der Blick über den Tellerrand Deutschlands extrem wertvoll. Insbesondere von der amerikanischen Start-up-Kultur können wir viel lernen.

Warum haben Sie sich entschieden, sich für das Programm zu bewerben – und wie lief der Bewerbungsprozess ab?

Markus Gilles: Für uns war es eine großartige Möglichkeit, zusätzliche Kompetenz von außen in unseren Entwicklungsprozess einzubinden und uns mit anderen Start-ups auszutauschen. Das Bewerbungsverfahren hat mehrere Stufen, inklusive Live-Pitch. Aber der erste Bewerbungsschritt geht recht schnell, daher würde ich anderen empfehlen, es einfach zu versuchen.

Ihr Start-up wurde von Anfang an stark von Investoren unterstützt. Es gab vor dem offiziellen Launch der App eine Seed-Finanzierung in Höhe von fünf Millionen Euro; 2022 gab es weitere 10 Millionen Euro. Das hört sich viel an. Wofür verwenden Sie das Geld?

Markus Gilles: Wir investieren in die Weiterentwicklung unserer App, insbesondere im Bereich Klimabildung und Unterstützung bei der persönlichen CO2-Reduktion. Denn Reduktion ist das A und O. Ohne den Ausstieg aus fossilen Energieträgern werden wir den Klimawandel nicht aufhalten können. Jede und jeder kann hier einen Beitrag leisten. Aber dazu ist nach wie vor viel Aufklärung nötig, um etwa die Unterschiede zwischen wirkungsvollem und wirkungsarmem Handeln zum Allgemeinwissen zu machen. Außerdem investieren wir in den Aufbau unseres Angebots für Firmenkunden. Mit Klima for Teams bieten wir Angebote für Unternehmen, die Klimaschutz in ihre alltägliche Firmenkultur integrieren möchten.

Bleiben wir beim Geschäftlichen. Wir funktioniert das Geschäftsmodell der Climate Labs GmbH?

Markus Gilles: Eine Besonderheit von Klima ist, dass wir zwar gewinnorientiert arbeiten, aber aus privaten Mitgliedsbeiträgen keine Profite entnehmen, sondern diese zu 100 Prozent in den Impact investieren. Dazu gehört neben der Finanzierung von Klimaschutzprojekten zum Beispiel auch der Community Aufbau, denn niemand kann die Klimakrise allein lösen. Die genaue Mittelverwendung und die dadurch im einzelnen erreichte Klimawirkung veröffentlichen wir im Detail in unserem jährlichen Finanz- und Wirkungsbericht. Gewinne erzielen wir mit unseren Angeboten für Unternehmen.

Sie haben in der Start-up-Welt bereits viele Erfahrungen sammeln können. Worauf kommt es bei einem erfolgreichen Start-up an?

Markus Gilles: Es gibt viele Faktoren, die zusammenspielen und die wenigsten davon lassen sich planen oder vorhersagen. In meiner persönlichen Erfahrung gab es immer zwei Dinge, die ich als enorm wichtig empfunden habe, um die Unsicherheiten, die untrennbar mit jeder Gründungsreise verbunden sind, zu navigieren. Erstens: Mitgründende, die deine Stärken und Schwächen ergänzen, sowohl menschlich als auch fachlich, auf die du vertrauen kannst und mit denen du gerne Zeit verbringst. Und zweitens: An einem Problem zu arbeiten, für das du brennst und für das es sich lohnt morgens aufzustehen, auch wenn gerade nicht alles nach Plan läuft.

Zum Schluss ein Blick in die nähere Zukunft: Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf Jahren?

Markus Gilles: Wir wollen dazu beitragen, dass persönliches Klima-Engagement in fünf Jahren zu einer absoluten Selbstverständlichkeit geworden ist, weil Menschen – sei es als Bürgerinnen oder Bürger, Konsumentinnen oder Konsumenten – die Bedeutung der Klimakrise und ihre eigene Handlungsmacht darin verstehen. Dann müssen wir den Fokus erweitern auf Biodiversität und Artenschutz. Denn alles hängt zusammen. Wir stehen am Anfang der größten Krise der Menschheit. Es gibt viel zu tun!

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