
Lutz Trettin
Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen
Frage:
Ist eine Existenzgründung auch für Menschen über 50 Jahre ein Thema?
Antwort:
Allerdings. Das RWI hat im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums in einer Studie Gründungen durch Ältere unter die Lupe genommen und dafür unter anderem eine Fülle von Gründungsberatern befragt. Wir haben von 100 befragten Einrichtungen, vor allem von den Kammern, Gesamtzahlen, die Folgendes ausdrücken: Im Jahr 2000 sind knapp 111.000 Personen auf diese Einrichtungen zugegangen. Im Jahr 2005 waren es rund 144.000 Personen. Das heißt: Die Gruppe der Ratsuchenden ist um ca. 30 Prozent gewachsen, was dem Trend steigender Gründungszahlen entspricht. Und die subjektive Einschätzung der Beratungseinrichtungen ist, dass die Gruppe der Über-50jährigen überproportional an diesem Wachstum teilhat.
Frage:
Wie wird sich die Zahl der älteren Gründerinnen und Gründer in Zukunft entwickeln?
Antwort:
Der Trend wird wegen der zunehmenden Alterung der arbeitenden Bevölkerung anhalten und sich sehr wahrscheinlich sogar verstärken.
Frage:
Was steckt hinter dem Trend der letzten Jahre?
Antwort:
Es sind vor allem die Personen aus der Arbeitslosigkeit, die die Zahl der älteren Gründer bzw. Gründungsinteressierten insgesamt ansteigen lässt. Wir sprechen bei diesen Gründerinnen und Gründern ab 45, 50, 55 Jahren über Personen, die keine Chance mehr sehen oder real in bestimmten Regionen auch keine Chance mehr haben, nach einer längeren Arbeitslosigkeit wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen.
Frage:
Wer gründet denn typischerweise sonst noch in diesem Alter, also ab 45, 50, 55 Jahren?
Antwort:
Zu den älteren Gründerinnen zählen nicht zuletzt auch Frauen, oft auch mit Hochschulabschluss, die nach einer langen Familienpause keine Angestelltenjobs mehr finden und sich selbständig machen, um den Weg zurück ins Arbeits- und Sozialleben zu finden. Dazu kommen, wenn auch zahlenmäßig eher zu vernachlässigen, ältere, womöglich noch angestellte Gründerinnen und Gründer, die die Selbständigkeit als zweite Karriere und als eine neue berufliche Herausforderung verstehen.
Frage:
Wie sind die Erfolgschancen dieser älteren Gründerinnen und Gründer?
Antwort:
Die älteren und gut vorgebildeten Gründer haben unter dem Strich gute Erfolgs-chancen. Sie sind oft bestens ausgestattet, sei es mit starkem betriebswirtschaftlichem Know-how, mit starken naturwissenschaftlichem, technischem, ingenieurwissenschaftlichem, pädagogischem Know-how oder Wissen und Fähigkeiten im Bereich der Pädagogik, Sprache, Kunst, Kultur. Also: Wir haben hier durchaus über Personen, die – bei entsprechender Unterstützung und Beratung – tragfähige Konzepte entwickeln und interessante Unternehmenskonzepte umsetzen können. Ähnliche Erfolgsaussichten haben auch ältere Gründer mit einer Facharbeiterausbildung. Weniger rosig sieht es dagegen für die große Zahl der mangelhaft oder schlecht ausgebildeten älteren Langzeitarbeitslosen aus.
Frage:
Um wen geht es hier? Und wie sehen deren Perspektiven?
Antwort:
Wir reden über Personen, die stark aus dem verarbeitenden, dem Industriegewerbe kommen, Personen mit einem ohnehin schmalen Bildungshintergrund. Für diese Personen wird es eher schwer, mit einer Selbständigkeit Fuß zu fassen. Bei ihren Gründungen handelt es sich sehr häufig um einfache Dienstleistungen, in die sich viele Neugründer hineinbegeben. Für sie wird es dann sehr schwierig, erfolgreich interessante Marktnischen zu entdecken und zu besetzen, auch weil sie zuvor eher wenige nützliche Berufserfahrungen sammeln konnten.
Frage:
Dabei sind es ja wohl gerade die vielen praktischen Erfahrungen, die den älteren Gründerinnen und Gründern einen wichtigen Startvorteil gegenüber der jüngeren Konkurrenz verschaffen.
Antwort:
So ist es. Aus Sicht der Gründungseinrichtungen, die wir in Deutschland befragt haben, aber auch vor dem Hintergrund von Studien in anderen europäischen Staaten, kommt sehr deutlich heraus, dass das Einbringen der Lebenserfahrung das absolut große Plus von älteren gründungsinteressierten Personen ist. Hinzu kommen umfangreichen Branchenkenntnisse, fachliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, was die Organisation des Arbeitslalltags angeht. Auch Selbstdisziplin ist eine große Voraussetzung, um unternehmerische Konzepte umzusetzen. Außerdem haben ältere Gründerinnen und Gründer eher als jüngere ein finanzielles Polster angespart, mit dem sie Investitionen bezahlen können. Vorausgesetzt, dass dieses Polster nicht durch längere Arbeitslosigkeit aufgebraucht wurde.
Frage:
Gibt es neben den genannten Startvorteilen für Ältere auch Handicaps?
Antwort:
Die gibt es. Stichwort Berufserfahrungen: Hier ist die Branche entscheidend. Für viele Gründerinnen und Gründer erweisen sich nämlich selbst intensive und im Verlauf von vielen Berufsjahren erworbene Kenntnisse leider als nutzlos. In Branchen, in denen man 20, 30 Jahre seine Erfahrungen gesammelt hat und die aufgrund schlechter wirtschaftlicher Entwicklung dazu führen, dass man auch arbeitslos wird, in diesen Branchen sind Neugründungen schwer durchzusetzen. Wenn man neue Felder besetzen muss, muss man sich auch neuen Kompetenzen und Fähigkeiten aneignen.
Frage:
Und das fällt – wie wir wissen - nicht immer leicht. Wobei das allerdings nach Ihren Erkenntnissen nicht das größte Problem ist.
Antwort:
Nein. Das Größte Problem ist, wie sie oft im Leben, das Geld. Als ein sehr zentrales Hemmnis hat sich herausgestellt, dass insbesondere der Zugang zu Darlehen, auch zu bestimmten Förderdarlehen, aufgrund der Altersbarriere ein Problem darstellen kann.
Frage:
Heißt das: Wer weniger Lebens- und Arbeitszeit zur Verfügung hat, einen Kredit zurückzuzahlen, hat eher Schwierigkeiten, ihn zu erhalten?
Antwort:
Diese Interpretation deckt sich nicht 100-prozentig mit unseren Ergebnissen. Man muss bei den Kreditabsagen unbedingt ins Detail gucken. Ablehnungsgrund ist nicht selten eine Kombination von finanziellen Problemen und einem nicht ganz ausgereiften unternehmerischem Konzept. Hier kann also eine intensive Beratung vielleicht doch das ein oder andere Hemmnis aus dem Weg räumen.








Gründungen durch Ältere