Crowdfunding ist eine PR-Kampagne, die sich selber finanziert."

Datum
01.05.2016

Einen „Fundus für alle" haben der Handwerker und Künstler Jens Gottschau und die Ausstatterin für Werbefilmproduktionen Petra Sommer mit ihrer Hanseatischen Materialverwaltung geschaffen. Die gemeinnützige GmbH verkauft und verleiht Requisiten aus Film- und Theaterproduktionen an kreative Projekte. Das Besondere daran ist: Die Gegenstände wandern nicht - wie sonst üblich - auf den Müll, sondern werden weiter genutzt.

Daumen zeigen in den Himmel

Herr Gottschau, Sie und Ihre Kollegin sammeln drei Meter große Nasen, Riesenschiffsbuge auf Rollen und andere skurrile, aber auch nützliche Dinge. Was ist die Idee dahinter?

Gottschau: Unsere Vision ist im Prinzip ganz einfach. Wir bieten einen Fundus für alle an. Das heißt, Kultureinrichtungen, Schulen, Universitäten, Künstler und Vereine können bei uns geeignete Materialien für ihre Projekte kaufen oder leihen. Bei den Materialien handelt es sich um Kulissen, Requisiten und Bühnenbilder, die mit teilweise sehr großem Aufwand und riesigen Budgets für Werbefilmproduktionen, große Theateraufführungen oder Kulturveranstaltungen produziert wurden. Danach landen sie in der Regel auf dem Müll. Wir verfolgen als Social-Start-up daher zwei Ziele: Zum einen tragen wir dazu bei, dass Ressourcen geschont werden und zum anderen unterstützen wir soziale und kreative Projekt, indem sie die Materialien bei uns zu günstigen Konditionen leihen oder kaufen können. Ein ähnliches Konzept ist damit übrigens in New York schon seit über 35 Jahren sehr erfolgreich.

Hört sich gut an. Und wie sieht es mit dem Geld aus?

Gottschau: Nachdem wir von der Stadt Hamburg eine zweijährige Startfinanzierung erhalten hatten, stehen wir jetzt weitgehend auf eigenen Beinen. Aber eben noch nicht ganz. Und der Arbeitsaufwand für die Lagerung, den Verkauf und Verleih der Materialien ist wirklich sehr hoch. Also brauchten wir eine Anschlussfinanzierung, um die Personalkosten zu decken. Da wir inzwischen eine gewisse Bekanntheit erlangt und uns noch nie mit einem Spendenaufruf an die Öffentlichkeit gerichtet hatten, erschien uns Crowdfunding der richtige Weg zu sein.

Dabei hatten Sie sich für eine regionale Crowdfunding-Plattform entschieden. Warum?

Gottschau: Unser Angebot ist regional. Das heißt, unsere Kunden sitzen in Hamburg und Umgebung, zum Teil auch in Berlin. Das war einer der Gründe, warum wir eine regionale Plattform gewählt hatten. Außerdem hatten wir den Eindruck, dass die Betreuung sehr gut ist. Hinzu kam, dass wir dort die Möglichkeit hatten, einen Mindestbetrag für den Start anzugeben. Das waren 10.000 Euro. Um unsere Arbeit womöglich auch längerfristig, also für ein Jahr, zu sichern, konnten wir zusätzlich eine höhere Zielsumme angeben. Die lag bei 47.000 Euro. Eingenommen haben wir dann letztlich 21.000 Euro. Damit lagen wir zwar unter der Zielsumme, aber hatten das Doppelte der Mindestsumme. Insofern waren wir sehr zufrieden. Außerdem freut es uns natürlich, dass uns über 400 Unterstützer geholfen haben, diesen Betrag zu erreichen.

Wie sahen Ihre Vorbereitungen für die Crowdfunding-Kampagne aus?

Gottschau: Das war mit ziemlich viel Aufwand verbunden. Die Vorbereitung hat uns alles in allem etwa sechs Wochen in Atem gehalten. Manches ist auch zu kurz gekommen, wie zum Beispiel Plakate kleben und Flyer produzieren. Das Wichtigste war das Video über unser Projekt. Das hatte ein Freund von uns produziert. Das Skript haben wir selbst übernommen.

Ein weiterer Punkt waren die „Dankeschöns", die wir unseren Geldgebern anbieten wollten. Unsere Idee war, die Partner aus unserem weit verzweigten Netzwerk zu bitten, uns für Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen oder Führungen Eintrittskarten zu spenden, die wir dann unseren Geldgebern als „Dankeschön" zusenden konnten. Das kam gut an.

Und die Pressearbeit?

Gottschau: Das haben wir auch selbst gemacht, was nicht ganz so einfach war. Viele Blogs und kleinere Beiträge haben auf uns hingewiesen, aber richtig große Artikel haben wir nicht bekommen. Obwohl wir uns sehr darum bemüht hatten: mit Pressemappe, Telefonaten usw. Aber die Zeiten, in denen eine Crowdfunding-Kampagne noch eine Schlagzeile wert ist, sind vorbei. Gut war allerdings, dass wir uns bei unserem zweiten Jubiläumsfest zum Kampagnenstart einem relativ großen Publikum vorstellen konnten.

Sie sind jetzt um viele Erfahrungen reicher. Irgendwelche Tipps?

Gottschau: Wenn es nur darum geht, finanzielle Mittel einzuwerben, würde ich eher davon abraten. Uns blieb am Ende, durch die freien Spenden - ohne „Dankeschön“ - und die vielen ehrenamtlichen Helfer, tatsächlich eine größere Summe – allerdings funktioniert ein klassisches Crowdfunding anders. Man könnte es überspitzt so formulieren: Crowdfunding ist eine PR-Kampagne, die sich selber finanziert. Für uns war deutlich spürbar, dass unser Tagesgeschäft während der Laufzeit der Kampagne immer besser wurde. Ein solcher Effekt ist wahnsinnig wertvoll.
Also: Wenn man sein Angebot bekannt machen möchte und außerdem noch Startkapital braucht, ist Crowdfunding ideal.

Sie sagen, Crowdfunding ist eine PR-Kampagne, die sich selber finanziert: Bleibt da noch etwas übrig?

Gottschau: Wenn man es richtig angeht schon. Beim Fundraising heißt es, dass man im Schnitt etwa 40 Prozent der Mittel, die man erhält, einsetzen muss, um diese einzuwerben. Das ist auch ungefähr der Schnitt, den man beim Crowdfunding anpeilen muss. Zum Beispiel verursacht die Arbeit für die „Dankeschöns" Kosten. Meist kommt auch noch die Mehrwertsteuer dazu usw. Das heißt: Wenn man beispielsweise 10.000 Euro braucht, sollte man sich ein Ziel von 15.000 bis 16.000 Euro setzen. Als Faustregel könnte man sagen: Immer 50 Prozent - mitunter sogar mehr - draufschlagen, wenn man noch Videoproduktionsfirmen oder PR-Agenturen in Anspruch nimmt und bezahlen muss.

Erschienen im BMWi-eMagazin „Die Masse macht's: Crowdfunding + Crowdinvesting“, April 2016.