Bei Vertrieb und Kooperationen mehrere Partner ins Boot holen

Datum
15.02.2015

Photovoltaikanlagen bestehen aus einer Vielzahl einzelner Module, das jedes für sich überwacht und gesteuert sowie je nach Bedarf gewartet und abgeschaltet werden muss. Genau das übernimmt in der Regel eine zentrale automatisierte Steuerung. Eine solche Steuerung auf Grundlage einer drahtlosen Funktechnologie haben Dr. Tolgay Ungan und Patrick Steindl an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg entwickelt. Im Frühjahr 2012 sind sie mit ihrem Unternehmen, der SmartExergy GmbH, an den Start gegangen.

Dr. Tolgay Ungan und Patrick Steindl sitzen in Hörsaal, schauen in die Kamera v.l.n.r.: Patrick Steindl, Dr. Tolgay Ungan
© Silke Reents

Herr Dr. Ungan, Ihre Funksensoren überwachen und steuern Photovoltaikanlagen. Was ist das Besondere daran?

Dr. Ungan: Unsere Funksensoren sind mit einer drahtlosen Funktechnologie ausgestattet und ermöglichen es, jedes einzelne Modul einer Photovoltaikanlage zu überwachen und zu steuern. Je größer die Anlage, desto wichtiger ist es, dass die Steuerungstechnik sparsam und zuverlässig arbeitet. Und genau das erreichen wir mit unserer Technologie. Der Punkt ist, dass funkgesteuerte Überwachungs- und Steuerungsanlagen immer erreichbar sein müssen, um Signale zu empfangen und entsprechend darauf zu reagieren. Lange Zeit hatte die Funktechnologie aber den Nachteil, dass diese ständige Erreichbarkeit genauso viel Strom benötigte wie das Senden von Funksignalen. Uns ist es gelungen, gemeinsam mit unseren Kollegen am Institut für Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg, eine Funktechnologie zu entwickeln, die im Vergleich 10.000 Mal weniger Strom benötigt als herkömmliche Anlagen und trotzdem rund um die Uhr zugänglich ist.

Sie haben diese Technologie im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickelt. Wie kamen Sie auf die Idee, damit auf den Markt zu gehen?

Dr. Ungan: Ich habe während meiner Promotion auch für Unternehmen Schaltungen entwickelt und war mit der Welt der Industrie schon sehr vertraut. Als ich dann am Institut für Mikrosystemtechnik die Möglichkeit hatte, im Rahmen meiner Dissertation eine neue Technologie mit einem erkennbaren Vermarktungspotenzial mit zu entwickeln, hat es mich einfach gereizt, diesen ganzen Prozess von der Grundlagentechnologie bis zur Umsetzung in ein Produkt gemeinsam im Team zu gestalten.

Als Gründungspartner haben Sie Herrn Steindl mit ins Boot geholt, obwohl Sie ihn vorher noch gar nicht kannten. Wie kam es dazu?

Dr. Ungan: Die Mitarbeiter des Gründerbüros an der Universität Freiburg hatten mir nahe gelegt, die Gründung gemeinsam mit einem Betriebswirt anzugehen und mir Online-Foren empfohlen, wo man seine Geschäftsidee skizzieren und in ganz Europa mit gründungswilligen jungen Leuten Kontakt aufnehmen kann. Auf einer dieser Online-Plattformen hat mich dann Patrick Steindl kontaktiert. Und nach mehreren Treffen haben wir gesehen, dass wir ähnliche Vorstellungen haben und dass die "Chemie stimmt". Also haben wir zusammen den Businessplan geschrieben und für den Antrag von EXIST-Gründerstipendium eingereicht.

Sie haben vor über zwei Jahren Ihr Unternehmen gegründet. Wie hat es sich seither entwickelt?

Dr. Ungan: Gut. Wir haben uns recht früh mit dem Markt in Österreich und der Schweiz beschäftigt. Allerdings ist der Aufwand dort mindestens genauso hoch wie in Deutschland - schon allein, was die Regularien betrifft, mit denen man sich erst vertraut machen muss. Von daher würde ich mir schon wünschen, dass es auf dem europäischen Energiemarkt irgendwann einheitliche Regeln gibt. Wir waren vor kurzem mit Unterstützung des German Accelerators in San Francisco. Da merkt man schon, was es für ein großer Vorteil es ist, wenn man auf einem riesigen Markt wie den USA ein homogenes Regelwerk hat. Was den German Accelerator betrifft, haben wir mit Hilfe unserer Mentoren während unseres dreimonatigen Aufenthalts Investoren, potenzielle Kooperationspartner und Kunden kennengelernt und dadurch einen wirklich guten Einblick in den US-Energiemarkt bekommen.

Gibt es etwas, das Sie rückblickend anders machen würden? Oder was Sie anderen Gründerinnen und Gründern raten können?

Dr. Ungan: Ich würde viel mehr Zeit und Geld für eine sorgfältige Marken- und Marktanalyse einplanen. Überhaupt braucht man einen langen Atem und ausreichend Kapital beziehungsweise Partner, die diesen langen Weg mit einem Start-up gehen wollen. Außerdem würde ich mich bei Vertriebspartnern und Kooperationspartnern immer auf mehrere Partner verlassen und ein ganzes Netzwerk aufbauen. In der Energiebranche ist es ganz entscheidend, geeignete Partner für die einzelnen Schnittstellen zu haben. Da geht es um After Sales, Service usw. Das eigene Unternehmen ist da wie ein Zahnrad in einem großen System, in dem alles ineinandergreift. Da ist es insgesamt nicht einfach, seinen Platz zu finden, aber ich finde es trotzdem spannend, weil Energie einfach ein wichtiges Thema ist.

Erschienen im BMWi-eMagazin, Februar 2015. Überarbeitetes Interview von www.exist.de